ORF Ö1, Matrix

16. September 2001, Markus Widmer

e-living im gasometer. ein lokalaugenschein


Das Gasometer-Projekt ist in vieler Hinsicht ein Experiment. Architekten, Denkmalschützer und Stadtplaner sind neue Wege gegangen, um aus den alten Gasbehältern einen neuen Stadtteil zu machen. Nicht zuletzt sind die Gasometer aber auch ein riesiges Pilotprojekt für die Idee des vernetzten Wohnens. Die technischen Voraussetzungen stimmen: Jede Wohnung ist mit einem Internet-Anschluss ausgestattet, mehrere Provider bieten Breitband-Verbindungen an. Mindestens so wichtig ist aber, dass auch die Versuchskaninchen bestens ausgewählt sind.
"Es ist natürlich im ersten Schritt gescheit, ein Projekt dort anzufangen, wo man weiß, dass die Aufnahmemöglichkeit von den Leuten, die da leben, relativ groß ist. Und das ist natürlich bei den Gasometern, so hip und trendig wie die jetzt sind, auch vorauszusetzen gewesen."
Andrea Schaffar ist Leiterin des Projekts e-living der Firma Mainwork, die für die Vernetzung der Gasometer C und D zuständig ist. Im Auftrag des Bauträgers GESIBA erstellt Mainwork ein Community-Konzept für das gasometer-eigene Intranet.Tatsächlich liegt der Altersschnitt der Gasometer-Bewohnerinnen und Bewohner bei nur 31 Jahren. Der typische Mieter oder Wohnungsbesitzer ist jung, gebildet, single und mit dem Internet vertraut. Ideale Voraussetzungen also für ein Experiment in virtuell unterstütztem Wohnen. Was aber will der Versuch erreichen? Rainer Oberzaucher, Community Manager des Multimedia-Providers für Turm A und B, Global Home.
"Unser großes Anliegen ist es eigentlich, die Anonymität der Großstadt etwas zu brechen, so eine Art Dorfcharakter auch in die Stadt zu bringen. Die Menschen sprechen nicht mehr miteinander, die Bassena-Gespräche gibt's nicht mehr. Und so versuchen wir, die Scheu der Menschen, miteinander zu sprechen, zuerst vielleicht online abzubauen und sie danach onland, oder off-line, zusammenzubringen."
Die Idee klingt paradox. Man will die Anonymität in der realen Welt mit einer Online-Community bekämpfen. Dabei sind Online-Communities selbst durch und durch anonym. Man versteckt sich hinter Nicknames und ist der, der man gerade sein will. In den Gasometern soll aber aus diesem Versteckspiel eine reale Gemeinschaft entstehen. Für Andrea Schaffar muss das kein Widerspruch sein.
"Das glaube ich insofern nicht, als dass es leichter ist, in der Virtualität einmal Kontakt aufzubauen, weil es eben auch anonym ist, und dass wenn das Interesse dann da ist, es auch ganz einfach ist, und das ist der Gedanke auch dahinter, zu sagen, gehen wir doch auf einen Kaffee. Und es gibt eh irrsinnig viele Kaffeehäuser jetzt in der G-Town unten, und nutzen wir das doch aus. Man hat aber die Möglichkeit auszuwählen, und es ist nicht so, dass man dann vorher nicht weiss, auf wen man trifft, sondern man hat schon ein gewisses Bild von demjenigen. Und die Möglichkeit soll dadurch auch gegeben sein."
Hinter den Nicknames sollen also bald reale Gesichter auftauchen und auch echte Namen. Ist diese Verbindung zwischen Virtualität und Realität einmal geschafft, verliert auch das Online-Forum seinen anonymen Charakter. Genau bei diesem Punkt liegt für Rainer Oberzaucher die Chance des Projekts Gasometer und die Zukunft von Internet-Communities.
"Diese Anonymisierung im Online-Geschäft und dieses Verstecken hinter einem Nickname, glaube ich, wird à la longue ausgedient haben. Es hat natürlich seinen Reiz, sich auszutoben, hinter einem Nickname versteckt verschiedene Persönlichkeiten anzunehmen, Rollenspiele zu veranstalten. Aber im Endeffekt, das wird auch jeder schon gemerkt haben, wird das nach einiger Zeit etwas fad, nicht wirklich man oder frau selbst zu sein, und man hat auch oft das Anliegen, gewisse Menschen vielleicht auch zu treffen, mit denen man sich online gut versteht, um zu sehen, ob das nun wirklich dieser Mensch ist, und ob er wirklich diese Hobbies hat und wirklich diese Interessen auch hat."
Sowohl Global Home als auch E-Living wollen auf ihren Websites eine Basis für den nachbarschaftlichen Austausch im Internet schaffen. Die Bewohner der Gasometer sollen dort tratschen können oder die neusten Informationen der Gebäudeverwaltung lesen. In Börsen tauscht man Umziehkartons gegen Zimmerpflanzen oder Babysitten gegen Postkasten-Leeren. Natürlich steht dahinter auch ein kommerzielles Interesse: Global Home bietet in den Gasometern Satellitenfernsehen, Telefon- und Internetanschluss an und will die Online-Community auch zur Pflege ihrer Kundenbeziehungen nutzen. Mainwork verspricht sich durch 'e-living' lukrative Kooperationen mit den Geschäften im Einkaufszentrum der Gasometer.
Gänzlich ohne kommerzielle Interessen arbeitet dagegen gasometer.cc; eine Website, die schon jetzt beweist, wie gut der Übergang von virtueller Community zu realer Gemeinschaft funktionieren kann. Entstanden ist das Portal schon Monate vor dem ersten Einzugstermin. Der Informatikstudent Andreas Pöschek, selbst stolzer Besitzer einer Wohnung im Gasometer C, hat das Projekt initiiert - auch als Alternative zu den kommerziellen Anbietern.
"Der große Unterschied ist, dass hier eine Gruppe von Leuten diese Community gestaltet. Diese Leute sind von den Gasometern und gestalten für die Mitmenschen, die hier Wohnen, den Inhalt, bzw. jeder kann mitwirken, jeder kann Artikel schreiben, bzw. seinen Beitrag leisten. Außerdem werden im Gegensatz zu den anderen Angeboten von uns auch Aktivitäten geplant, wie zB Fußballmatchs, wo die Gasometerbewohner gegeneinander spielen, turmweise, oder Ausflüge, Fahrradtouren usw."
In den Gasometern scheint also tatsächlich eine fast dörfliche Gemeinde mit ihrem harten Kern, ihren Festen und Vereinen zu entstehen. Natürlich bleiben da auch die negativen Seiten der Dorfgemeinschaft nicht aus. Wer zum Beispiel gegen die gängige Begeisterung für die Gasometer redet, muss mit wüsten Beschimpfungen rechnen. Wer seinen Müll am falschen Ort liegen lässt, dummerweise noch mit der Adresse drauf, wird ebenfalls an den virtuellen Pranger gestellt.
Trotzdem muss man feststellen, dass das Projekt 'vernetztes Wohnen im Gasometer' im kleinen Rahmen schon jetzt ein Erfolg ist. Und das noch bevor die beiden kommerziellen Anbieter ihre Marketing-Offensive gestartet haben, und lange bevor alle technischen Möglichkeiten ausgereizt sind. In der Gasometer-Community ist jedenfalls von der Anonymität der Großstadt nichts zu spüren. Die Abfall-Sünderin aus Gasometer A wird sie sich schon zurückwünschen.



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