Das Gasometer-Projekt ist in vieler Hinsicht ein Experiment. Architekten,
Denkmalschützer und Stadtplaner sind neue Wege gegangen, um aus den alten
Gasbehältern einen neuen Stadtteil zu machen. Nicht zuletzt sind die
Gasometer aber auch ein riesiges Pilotprojekt für die Idee des vernetzten
Wohnens. Die technischen Voraussetzungen stimmen: Jede Wohnung ist mit einem
Internet-Anschluss ausgestattet, mehrere Provider bieten Breitband-Verbindungen
an. Mindestens so wichtig ist aber, dass auch die Versuchskaninchen bestens
ausgewählt sind.
"Es ist natürlich im ersten Schritt gescheit, ein Projekt dort anzufangen,
wo man weiß, dass die Aufnahmemöglichkeit von den Leuten, die da
leben, relativ groß ist. Und das ist natürlich bei den Gasometern,
so hip und trendig wie die jetzt sind, auch vorauszusetzen gewesen."
Andrea Schaffar ist Leiterin des Projekts e-living der Firma Mainwork, die
für die Vernetzung der Gasometer C und D zuständig ist. Im Auftrag
des Bauträgers GESIBA erstellt Mainwork ein Community-Konzept für
das gasometer-eigene Intranet.Tatsächlich liegt der Altersschnitt der
Gasometer-Bewohnerinnen und Bewohner bei nur 31 Jahren. Der typische Mieter
oder Wohnungsbesitzer ist jung, gebildet, single und mit dem Internet vertraut.
Ideale Voraussetzungen also für ein Experiment in virtuell unterstütztem
Wohnen. Was aber will der Versuch erreichen? Rainer Oberzaucher, Community
Manager des Multimedia-Providers für Turm A und B, Global Home.
"Unser großes Anliegen ist es eigentlich, die Anonymität der
Großstadt etwas zu brechen, so eine Art Dorfcharakter auch in die Stadt
zu bringen. Die Menschen sprechen nicht mehr miteinander, die Bassena-Gespräche
gibt's nicht mehr. Und so versuchen wir, die Scheu der Menschen, miteinander
zu sprechen, zuerst vielleicht online abzubauen und sie danach onland, oder
off-line, zusammenzubringen."
Die Idee klingt paradox. Man will die Anonymität in der realen Welt mit
einer Online-Community bekämpfen. Dabei sind Online-Communities selbst
durch und durch anonym. Man versteckt sich hinter Nicknames und ist der, der
man gerade sein will. In den Gasometern soll aber aus diesem Versteckspiel
eine reale Gemeinschaft entstehen. Für Andrea Schaffar muss das kein
Widerspruch sein.
"Das glaube ich insofern nicht, als dass es leichter ist, in der Virtualität
einmal Kontakt aufzubauen, weil es eben auch anonym ist, und dass wenn das
Interesse dann da ist, es auch ganz einfach ist, und das ist der Gedanke auch
dahinter, zu sagen, gehen wir doch auf einen Kaffee. Und es gibt eh irrsinnig
viele Kaffeehäuser jetzt in der G-Town unten, und nutzen wir das doch
aus. Man hat aber die Möglichkeit auszuwählen, und es ist nicht
so, dass man dann vorher nicht weiss, auf wen man trifft, sondern man hat
schon ein gewisses Bild von demjenigen. Und die Möglichkeit soll dadurch
auch gegeben sein."
Hinter den Nicknames sollen also bald reale Gesichter auftauchen und auch
echte Namen. Ist diese Verbindung zwischen Virtualität und Realität
einmal geschafft, verliert auch das Online-Forum seinen anonymen Charakter.
Genau bei diesem Punkt liegt für Rainer Oberzaucher die Chance des Projekts
Gasometer und die Zukunft von Internet-Communities.
"Diese Anonymisierung im Online-Geschäft und dieses Verstecken hinter
einem Nickname, glaube ich, wird à la longue ausgedient haben. Es hat
natürlich seinen Reiz, sich auszutoben, hinter einem Nickname versteckt
verschiedene Persönlichkeiten anzunehmen, Rollenspiele zu veranstalten.
Aber im Endeffekt, das wird auch jeder schon gemerkt haben, wird das nach
einiger Zeit etwas fad, nicht wirklich man oder frau selbst zu sein, und man
hat auch oft das Anliegen, gewisse Menschen vielleicht auch zu treffen, mit
denen man sich online gut versteht, um zu sehen, ob das nun wirklich dieser
Mensch ist, und ob er wirklich diese Hobbies hat und wirklich diese Interessen
auch hat."
Sowohl Global Home als auch E-Living wollen auf ihren Websites eine Basis
für den nachbarschaftlichen Austausch im Internet schaffen. Die Bewohner
der Gasometer sollen dort tratschen können oder die neusten Informationen
der Gebäudeverwaltung lesen. In Börsen tauscht man Umziehkartons
gegen Zimmerpflanzen oder Babysitten gegen Postkasten-Leeren. Natürlich
steht dahinter auch ein kommerzielles Interesse: Global Home bietet in den
Gasometern Satellitenfernsehen, Telefon- und Internetanschluss an und will
die Online-Community auch zur Pflege ihrer Kundenbeziehungen nutzen. Mainwork
verspricht sich durch 'e-living' lukrative Kooperationen mit den Geschäften
im Einkaufszentrum der Gasometer.
Gänzlich ohne kommerzielle Interessen arbeitet dagegen gasometer.cc;
eine Website, die schon jetzt beweist, wie gut der Übergang von virtueller
Community zu realer Gemeinschaft funktionieren kann. Entstanden ist das Portal
schon Monate vor dem ersten Einzugstermin. Der Informatikstudent Andreas Pöschek,
selbst stolzer Besitzer einer Wohnung im Gasometer C, hat das Projekt initiiert
- auch als Alternative zu den kommerziellen Anbietern.
"Der große Unterschied ist, dass hier eine Gruppe von Leuten diese
Community gestaltet. Diese Leute sind von den Gasometern und gestalten für
die Mitmenschen, die hier Wohnen, den Inhalt, bzw. jeder kann mitwirken, jeder
kann Artikel schreiben, bzw. seinen Beitrag leisten. Außerdem werden
im Gegensatz zu den anderen Angeboten von uns auch Aktivitäten geplant,
wie zB Fußballmatchs, wo die Gasometerbewohner gegeneinander spielen,
turmweise, oder Ausflüge, Fahrradtouren usw."
In den Gasometern scheint also tatsächlich eine fast dörfliche Gemeinde
mit ihrem harten Kern, ihren Festen und Vereinen zu entstehen. Natürlich
bleiben da auch die negativen Seiten der Dorfgemeinschaft nicht aus. Wer zum
Beispiel gegen die gängige Begeisterung für die Gasometer redet,
muss mit wüsten Beschimpfungen rechnen. Wer seinen Müll am falschen
Ort liegen lässt, dummerweise noch mit der Adresse drauf, wird ebenfalls
an den virtuellen Pranger gestellt.
Trotzdem muss man feststellen, dass das Projekt 'vernetztes Wohnen im Gasometer'
im kleinen Rahmen schon jetzt ein Erfolg ist. Und das noch bevor die beiden
kommerziellen Anbieter ihre Marketing-Offensive gestartet haben, und lange
bevor alle technischen Möglichkeiten ausgereizt sind. In der Gasometer-Community
ist jedenfalls von der Anonymität der Großstadt nichts zu spüren.
Die Abfall-Sünderin aus Gasometer A wird sie sich schon zurückwünschen.
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Mit freundlicher Genehmigung des ORF.