Von Norbert Philipp (Die Presse)
Hausgemeinschaft. Social Network-Plattformen entdecken die Nähe: Internet-User in Meidling oder Simmering klopfen bei ihren Nachbarn an, ohne vor die Tür zu gehen.
Die Zeiten, in denen man seine Nachbarn nicht mal per Namen kannte, sind vorbei: "Zwutschkerl", "Zwergi", "Kiwara" und "Biagamasta" heißen sie. Klar kennt man sich. Schließlich wohnt man Tür an Tür. Oder zumindest im selben Block. Man trifft sich und tratscht. Und manchmal sieht man sich sogar persönlich, ansonsten eben in der "Community", der virtuellen Hausgemeinschaft im Internet. Wo alle unter ihren Nicknames das machen, was viele Nachbarn schon immer gemacht haben: miteinander reden.
Wo ein Internetanschluss ist, da ist auch meist der virtuelle Freund in Buenos Aires oder Sydney nicht mehr weit - dank Social Networking im Internet. Die üblichen Verdächtigen dabei: MySpace, Facebook und Konsorten. Jetzt konzentrieren sich Online-Plattformen vermehrt auf soziale Beziehungen vor der Haustür. Man klopft wieder beim Nachbarn an, wenn auch nur virtuell. Und pflegt die Kommunikation mit denen, die denselben Aufzug benutzen und zum gleichen Bäcker gehen.
- dazu lädt etwa die Internet-Plattform LifeAt.com alle Hausparteien amerikanischer Apartmenthäuser ein. Und die Hausbesitzer dazu, 6000 Dollar in die sozialen Kontakte ihrer Mieter zu investieren. Aber auch in Europa denkt man nicht mehr nur global, sondern auch in Häusern, Straßenzügen und Grätzeln. Plattformen wie www.meineNachbarschaft.eu, seit Sommer 2007 im Netz, zeigen, wo redselige und sympathische Nachbarn wohnen und manchmal auch, wie sie aussehen. Völlig kostenlos - vorläufig. Via Chat und persönlichem Profil weiß man bald, wer eine Katze hat und wer eine Katzenallergie oder wer seinen alten Fernseher nicht mehr braucht.
In Österreich ist man derzeit auf solchen Plattformen noch etwas einsam. Bei www.meinnachbar.net hat man in ganz Wien nicht einmal 400 virtuelle Nachbarn. Dafür entstehen dort, wo die Stadtplanung neue Grätzel baut, auch Kommunikations-Grätzel im Internet. Allein in der Community www.mykabelwerk.com gibt es seit diesem Frühling schon 300 registrierte Nachbarn _ noch vor Fertigstellung der Stadtteilsiedlung. Dort teilt man nicht nur die Adresse, sondern sich auch Sorgen, Fragen und Probleme im Online-Forum mit. Auch die Bewohner des Mischek Towers auf der Donauplatte diskutieren angeregt unter www.leonard-bernstein.at. Genauso wie die Blöcke A bis D des Wohnparks Alt-Erlaa auf www.alterlaa.net. Und in den Gasometern treffen sich die User von www.gasometer.cc nicht nur zum Chat, sondern auch immer wieder zu Grillfesten und Fahrradausflügen.
Im virtuellen Stiegenhaus wird nicht nur getratscht, sondern manchmal auch gemeckert und gelästert. Mal über die Hausverwaltung, mal über die Zigarettenstummeln am Spielplatz. Aber die Communities wollen mehr sein als eine Online-Bassena: eine Börse für Informationen, Erfahrungen, Meinungen. Oder auch für ganz praktische Dinge wie Jobs, Nachbarschaftshilfe oder Möbel, die man selbst nicht mehr braucht.
Eine Grundfunktion beschreibt George Angeloff, der Betreiber von mykabelwerk.com, so: "Eine Orientierung für alle, die neu zugezogen sind. Und ein Erfahrungsaustausch." Man könne ungezwungen über ein Problem diskutieren, meint er. Leider nicht mit jedem: Manche hätten schlicht noch kein Internet oder Scheu, aktiv teilzunehmen, etwa aufgrund von Sprachproblemen. Generell gebe es mehr Leser als User. Trotzdem erkennt Angeloff eine "dynamische Entwicklung." Gerade bei "Aufreger"-Themen wie Versprechungen, die - laut Forums-Meinung - von der Hausverwaltung nicht gehalten worden sind. Nicht zuletzt deshalb ist die Hausverwaltung selbst ein aktiver Leser der Beiträge, wie Georg Wölfl von der Hausverwaltung Kabelwerk bestätigt: "Wir beobachten genau und diskutieren mit." Zumindest dort, wo sie Zugriffsrechte hat. Denn meist will man unter sich bleiben: "Wir verstehen uns auch als Interessengemeinschaft und eine Art Opposition", meint Angeloff. Dass die Hausverwaltung ein fleißiger Forum-Leser ist, merkt auch Andreas Pöschek. Spätestens wenn die Hausverwaltung beim Initiator und Betreiber von www.gasometer.cc anruft. Schon seit der Bauphase existiert die Community. Pöschek schätzt, dass heute 30 bis 50 Prozent der 1500 Bewohner regelmäßig das Forum lesen. Der harte Kern davon trifft sich auch im wirklichen Leben. Im Netz gibt es Power-User genauso wie notorische Nörgler, die Dinge sagen, "die sie unter vier Augen nie sagen würden." Eines der großen Themen war die Stadtplanung in der Umgebung: "Die jetzige Situation hat nicht mehr viel mit dem ursprünglichen Masterplan zu tun. Statt eines Naturbadeteichs gibt es schüttere Wohnverbauung", erzählt Pöschek.
Im Wohnpark Alt-Erlaa klopfen die Bewohner bei der Hausverwaltung dann an, wenn sie die Sauna buchen wollen. Dass das noch immer nicht online möglich ist, ist eines der aktuellen Aufreger-Themen im Forum www.alterlaa.net. "Früher war es das Thema FKK in den Schwimmbädern am Dach", erzählt Betreiber Albert Leidinger, der fast etwas neidisch hinüber zum Gasometer blickt. Mit dessen User- und Zugriffszahlen kann sein Forum nicht mithalten. "Das liegt vielleicht auch an der Altersstruktur." Trotzdem lernt man sich besser kennen: "Was ich vorher nicht wusste: dass mein Nachbar auch Science-Fiction mag."
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